Das „New-Tech-Paradoxon“: Entlassungswellen als Produktivitätssignal?!
Jeder VWL-Student lernt es früher oder später im Studium kennen: das Phänomen, das vom Stanford-Professor Erik Brynjolfsson, heute Leiter des „Digital Economy Lab“ am „Stanford Institute for Human-Centered AI“, als „Productivity Paradox of IT“ bezeichnet wurde. Es beschreibt die stark steigende Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien seit den späten 1970er Jahren bei vermeintlich ausbleibenden Produktivitätszuwächsen auf Branchen- und volkswirtschaftlicher Ebene. Berühmt wurde das Zitat des Nobelpreisträgers Robert Solow: „You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics“.
Ein Arbeitspapier des „National Bureau of Economic Research“ (NBER) zu Technologieadoptionsraten in der Wirtschaft, das nun kürzlich auch in der Zeitschrift Management Science veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Nutzung von KI ähnlich schnell verbreitet wie zu ihrer Zeit der Computer und das Internet.
Bleiben auch diesmal die Produktivitätsgewinne aus?
„Die Studienlage ist aus wissenschaftlicher Sicht dazu alles andere als einheitlich“, erläutert Prof. Dr. Michael Knörzer vom APRIORI HR:LAB: „Immer mehr Untersuchungen erscheinen zu diesem Thema und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen mit vielen Einflussfaktoren wie Branchen-, Unternehmensgrößen- und sogar Regional- und Kultureffekten.“ Doch neueste Anzeichen sprechen dafür, dass es diesmal tatsächlich anders kommen könnte. In den letzten Monaten dominieren Schlagzeilen über Massenentlassungen die Tech-Welt. Was auf den ersten Blick wie das Platzen einer Blase oder ein Vorbote einer Rezession wirkt, erweist sich bei genauerer Analyse als etwas anderes. Wir erleben keinen klassischen Abschwung, sondern eine fundamentale Transformation der Arbeitswelt. Prof. Dr. Michael Knörzer vom APRIORI HR:LAB ordnet die aktuelle Lage ein:
„Wer bei den aktuellen Entlassungswellen in der Tech-Industrie nur ein Krisensignal sieht, verkennt die Dynamik des Marktes. Wir beobachten hier nicht automatisch ein Zeichen von Schwäche, sondern möglicherweise ein Produktivitätssignal.“
Effizienz statt Konjunkturangst
Lange Zeit galt im Silicon Valley das Mantra: „Wachstum um jeden Preis“. In der Post-Pandemie-Ära hat sich das Blatt gewendet. Die großen Player – von Alphabet bis Meta – korrigieren die Überkapazitäten, die während des Digitalisierungsrauschs der (Post-)Corona-Jahre aufgebaut wurden. Doch hinter den Zahlen steckt mehr als nur eine einfache Personalkorrektur. Diese Welle scheint weniger konjunkturell als vielmehr effizienzgetrieben. Es geht nicht darum, dass die Arbeit ausgeht, sondern dass sie mit deutlich weniger Ressourceneinsatz erledigt werden kann.
Die Rolle der KI: Evolution statt Revolution
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die Künstliche Intelligenz. Entgegen landläufiger Befürchtungen führt KI derzeit nicht zum plötzlichen Verschwinden ganzer Berufsbilder. Vielmehr verändert sie die kleinsten Bausteine unserer Arbeit. Prof. Dr. Michael Knörzer erklärt diesen Mechanismus so: „KI ersetzt – man muss sagen ‚noch‘ – selten Jobs pauschal. Was wir stattdessen sehen, ist eine Reduzierung des Bedarfs an bestimmten Einzeltätigkeiten, Teil-Rollen und Teil-Funktionen. Wenn eine KI 30 % der Routineaufgaben eines Teams übernimmt, braucht man bei gleichem Output schlichtweg weniger Köpfe.“ (Siehe dazu auch unseren Blogbeitrag: Produktiver durch KI?! – Werden die „30%“ zur neuen Benchmark in IT-Konzernen?)
Dies hat trotz der Investitionen in KI positive Effekte auf die Profitabilität. Unternehmen werden schlanker, ohne an Innovationskraft einzubüßen. Im Gegenteil: Die verbleibenden Ressourcen werden gezielter dort eingesetzt, wo menschliche Kreativität und strategisches Urteilsvermögen unverzichtbar sind.
Amazon liefert hierfür das wohl aktuellste und prominenteste Beispiel. Nach den massiven Stellenstreichungen im Herbst letzten Jahres wurden auch in dieser Woche weitere Entlassungen angekündigt – insgesamt betreffen diese Maßnahmen rund 30.000 Mitarbeiter. Dies ist bei genauerer Betrachtung eine konsequente Neuausrichtung. Amazon optimiert seine Strukturen dort, wo Prozesse durch Automatisierung und KI effizienter gestaltet werden können – bei Amazon sind das insbesondere Backoffice und Administration. Das Ziel ist klar: maximale Profitabilität bei minimalem Overhead.
Fazit: Ein neues Zeitalter der Arbeit
Für den Arbeitsmarkt der Zukunft bedeutet dies: Die Nachfrage nach Fachkräften bleibt hoch, aber das Anforderungsprofil verschiebt sich. Unternehmen suchen nicht mehr nach „Workforce“, sondern nach „Value Creators“. „Wir treten in eine Phase ein, in der wieder stärker nach Effizienz gestrebt wird“, so Prof. Knörzer abschließend. „Die Entlassungen bei Big Tech sind die schmerzhafte, aber unvermeidbare Konsequenz einer technologischen Reifephase. In anderen Blogs haben wir diesen Übergang als den Wandel ‚von der Post-Corona- zur Prä-KI-Arbeitswelt‘ bezeichnet.“
Die Tech-Industrie zeigt uns heute schon die Tendenz, wie die gesamte Wirtschaft morgen aussehen könnte: schlanker, produktiver und getrieben durch die intelligente Symbiose aus Mensch und Maschine – mit weitreichenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt.
Quellenhinweise:
BICK, Alexander; BLANDIN, Adam; DEMING, David J. The rapid adoption of generative AI. Management Science, 2026, Online-Publikation vom 20.01.2026, doi.org/10.1287/mnsc.2025.02523.
BICK, Alexander; BLANDIN, Adam; DEMING, David. The Rapid Adoption of Generative AI. NBER Working Paper, 2024, Nr. w32966.
SOLOW, Robert. We’d better watch out. New York Times Book Review, 12. Juli 1987, S. 36.



