Lügen im Vorstellungsgespräch: So kommen Sie ihnen auf die Schliche

Autor: Sofia Dobbertin

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Allgemein, Personal & Führung

5 Min. Lesezeit
Lügen im Vorstellungsgespräch: So kommen Sie ihnen auf die Schliche

In Vorstellungsgesprächen wird manchmal geschummelt und gemogelt, was das Zeug hält. Hier wird ein bisschen geschönt, da etwas weggelassen. Das ist einerseits menschlich. Doch manchmal gehen die Schwindeleien über das Normalmaß hinaus. Wie Personaler Lügen im Vorstellungsgespräch entlarven können. 

Eines vorab: Schwindeln ist nicht gleich schwindeln. Wenn hier und da Fähigkeiten von gut auf sehr gut getuned werden, oder das Interesse an der vakanten Stelle größer dargestellt wird, als es eigentlich ist, so mag das noch im grünen Bereich liegen. Beim Bewerbungsgespräch ist es wie beim Flirt: Beim ersten Zusammentreffen versucht man sich von seiner Schokoladenseite zu präsentieren. Und Hand aufs Herz: Letztlich verkaufen Sie sich als Arbeitgeber ja auch von Ihrer ansehnlichsten Seite, oder?

Lügen im Vorstellungsgespräch: Die richtige Frage-Taktik

Doch der gegenseitige Zauber ist im zwischenmenschlichen Bereich wie im Bewerbungskontext schnell erloschen, wenn heraus kommt, dass das Gegenüber viel zu dick aufträgt. Lügen sind nun mal keine gute Basis – weder für die Liebes- noch für die Arbeitsbeziehung. Mit der richtigen Taktik und ein bisschen Menschenkenntnis können Sie als Personaler Lügen und Täuschungen aber entlarven.

Oft werden Personaler schon bei der Durchsicht der Unterlagen stutzig:

  • 1A-Ergebnissse im Studium
  • beste Referenzen
  • top Praktika und Zeugnisse

Garniert von überdurchschnittlich guten Sprachkenntnissen, Auslandsaufenthalten und – logisch-  keinerlei Auszeiten…

Ja, es gibt sie zweifellos – die Supermänner und –frauen unter den Bewerbern. Aber manchmal bleibt doch ein leiser Zweifel, ob alles so stimmt, was auf dem Papier steht. Schließlich hat auch für Superman und Superwoman der Tag nur 24 Stunden.

Nachfassen beim alten Arbeitgeber

Dann sollten Personaler dem Jobanwärter beim ersten Zusammentreffen genauer auf den Zahn fühlen. Wobei sichergestellt sein sollte, dass das Jobinterview nicht wie ein Verhör ausfällt. Angenommen, der Bewerber sagt doch die Wahrheit – ob er sich auch dann noch für die ausgeschriebene Stelle interessiert? Stattdessen sollten die Ehrlichkeitstests also eher subtil in die Unterhaltung eingestreut werden.

Der Smalltalk

Das geht schon mit dem anfänglichen Smalltalk los. Dieser hilft einem Kandidaten, ins Gespräch zu kommen. Thema sind Belanglosigkeiten und Nettigkeiten:

  • Sind sie gut angekommen?
  • Hatten Sie eine angenehme Fahrt?
  • Das Wetter ist ja heute nicht so schön. Schade!

Die Klassiker eben! Doch hieraus können Sie als Interviewer bereits viel ableiten. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass in diesem Part die Wahrheit gesagt wird. Man justiert also das Verhalten des Kandidaten in einer Situation, in der er höchstwahrscheinlich ehrlich ist: Genau so sind Gestik, Mimik und Stimme also im Normalfall.

So verändert sich die Körpersprache

Umso leichter fällt es hinterher, Unehrlichkeiten zu enttarnen. Lügt eine Person, ändert sich dieses Verhalten enorm. Das betrifft:

  • Die Stimmhöhe, die meist etwas schriller wird.
  • Das Sprachtempo: Lügner sprechen meist etwas schneller, sie wollen ihre Lüge schnell hinter sich bringen.
  • Die Satzlänge: Lügner sprechen eher kurze Sätze. Bei Bandwurmsätzen laufen sie Gefahr, sich in ihrer Erzählung zu verheddern und nicht weiterzukommen.
  • Die Sitzposition: Eine gebeugte Körperhaltung verrät die Last der Lüge auf den Schultern.
  • Die Blickrichtung: Weicht der Blick aus, ist das kein gutes Signal.
  • Die Bewegungen: Werden Bewegungen hektischer, oder kommt mehr Gestikulation als vorher ins Spiel, rückt der Kandidat auf seinem Stuhl hin und her, zeigt das an, dass er sich nicht wohl fühlt.

Es gibt aber noch weitere Hinweise, ob eine „Story“ wahr oder erfunden ist. Tatsächlich lässt sich mit ein bisschen Übung erkennen, ob etwa ein Lachen echt oder gestellt ist. Bei einem echten Lachen, spiegelt sich das auch in den Augen wider. Es entstehen kleine Lachfältchen. Die Stirn kräuselt sich. Die Augen funkeln. Bei aufgesetztem Gelächter ist das nicht der Fall. Dann verzieht sich nur der Mund, während die obere Gesichtshälfte völlig unverändert bleibt.

Die Intensität der Emotionen

Ungeübte Lügner verraten sich überdies oft durch zu intensive Emotionen. Meist fallen diese bei Schauspielereien zu heftig aus und dauern länger als echte Gefühle. Denn eigentlich soll durch diese Übertreibungen eines erzeugt werden: Glaubwürdigkeit. Doch der Schuss geht meist nach hinten los.

Sie können die Wahrheit daraufhin mit der richtigen Fragetechnik aus dem Kandidaten herauskitzeln. Etwa, indem Sie ihre Fragen etwas ausführlicher einleiten: „Erzählen Sie uns doch mal etwas über Ihre EDV-Kenntnisse. Bevor Sie aber näher darauf eingehen, erkläre ich Ihnen, warum für uns diese Frage besonders wichtig sind. …“  Solche Ausführungen machen auch einer gut zurechtgelegten Lüge im Vorfeld den Gar aus. Der Bewerber ist alarmiert, geht nochmal in sich und beantwortet die Frage in der Regel ehrlicher als zunächst geplant.

Unwahrheiten vertragen kein Schweigen

Sie sind von der gegebenen Antwort nicht überzeugt? Tipp: Schweigen Sie! Das bringt den Redefluss des Kandidaten meist nochmal in Gang. Das wiederum kann Ungereimtheiten zu Tage fördern: Lügnern fällt es oft schwer, ihr Gedanken-Konstrukt aufrecht zu erhalten, weil sie in ihrer Nervosität vergessen haben, was sie gerade gesagt haben.

Bei Widersprüchen können Sie gezielt nachfassen. Klassisch im Vorstellungsgespräch ist der Teil, in dem der Jobanwärter seinen Lebenslauf referiert. Das macht er zumeist frei. Doch wenn Sie ihn durch Zwischenfragen dazu bringen, aus der Chronologie auszubrechen, geraten Lügner leicht ins Straucheln. Durch das Hin- und Herspringen fällt das Kartengebäude eines Betrügers rasch in sich zusammen. Kandidaten, die der Wahrheit treu bleiben, sollten hingegen keine Probleme haben, thematisch hin und herzuspringen. Sie haben schließlich selbst erlebt, wovon sie da reden.

Techniken üben, üben, üben

Doch bevor Sie als Personaler in Aktionismus verfallen, gilt es, diese Techniken sehr gut zu üben. Denn nicht jedes Zucken oder jedes Erröten deuten gleich auf einen Betrug hin. Nur wenn mehrere Indizien gleichzeitig zusammenkommen, ist Misstrauen angezeigt.

Oft helfen dann Einleitungen wie: „Ich will das jetzt nicht zu sehr aufbauschen, aber mich interessiert doch, wie Sie das alles unter einen Hut bekommen haben: Studium, Job, Kinder, Haushalt. Hatten Sie noch Zeit zum Schlafen?“ Meist dringen Sie dann zum wahren Grund vor, warum ein Kandidat einen Sachverhalt anders schildert, als er sich zugetragen hat.

Meist steckt eine gesunde Portion Angst dahinter. Jetzt liegt es an Ihnen zu entscheiden, ob es der Bewerber wert ist, ihm diese zu nehmen und das Gespräch unter anderen Vorzeichen fortzusetzen. Das kann sich je nach Tragweite der Lüge lohnen.

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