“Willkommen in der neuen Wirklichkeit!”

Autor: Sofia Dobbertin

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Allgemein, Neue Arbeitswelten, News & Insights

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In unseren Blogs “KI als Baustein des Strategischen Human Resource Managements … und warum sich Mitarbeiter darauf vorbereiten sollten”  und “Zwischen Fachkräftemangel und Einstellungsstopp – Erleben wir die Trendwende am Arbeitsmarkt? Wie sich Unternehmen vom Faktor „Arbeit“ emanzipieren!” hatten wir bereits frühzeitig auf die sich abzeichnenden Veränderungen am Arbeitsmarkt und den Einfluss der technologischen Rahmenbedingungen hingewiesen. Diesen bedeutenden Trend wollen wir in einer weiteren kleinen Reihe von Blogs begleiten, kommentieren und erläutern. 

 

Was sich spätestens ab dem letzten Frühjahr noch als Grummeln am Horizont andeutete, und daher von vielen überhört wurde, kommt nun als kräftiges, nicht mehr zu ignorierendes Gewitter. Manche Beobachter sagen sogar: Ein überfälliges und reinigendes Gewitter. “Auf den Finanzmärkten würde man von einer Marktkorrektur sprechen, die aufgrund von Überbewertungen notwendig gewesen sei”, kommentiert Prof. Dr. Michael Knörzer vom APRIORI HR:LAB die Entwicklung und ergänzt: “Wobei ich eine Analogie zum Immobilienmarkt passender finde: Auch dieser kannte jahrelang quasi nur eine positive Richtung und viele Menschen bauten zumindest Teile ihre Lebensplanung darauf auf, dass dieser Trend beständig bleibt”. 

 

Doch angesichts der Vielzahl an Meldungen zum Stellenabbau und insbesondere dessen jeweiliger Dimension kann kaum noch von Einzelfällen gesprochen werden. Denn dieser Trend umfasst inzwischen viele unterschiedliche Branchen, Berufsgruppen und Hierarchieebenen. 

“Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass nicht nur in der ‘Old Economy’, sondern gerade in der ITK-Branche derartige massive Entlassungen geplant und umgesetzt werden? Wenn Sie vor einem Jahr gewettet hätten, dass ein Jahr später Alphabet, Amazon, Cisco, Ebay, Microsoft Paypal und SAP massiv Stellen abbauen wollen oder sogar schon abgebaut haben, wären Ihnen vermutlich sehr gute Quoten angeboten worden”, fast Prof. Knörzer einige der spektakulärsten Entwicklungen der letzten 12 Monate zusammen und ergänzt: “Wir reden hier von einem weltweiten Stellenabbau von bereits über 30.000 Mitarbeitern in weit über 100 High-Tech-Unternehmen allein im Jahr 2024! Schauen Sie nur auf die jüngsten Entscheidungen bei Paypal und Cisco in diesem Jahr”. So wurde Ende Januar bei Paypal schon die zweite Entlassungsrunde innerhalb eines Jahres angekündigt, diesmal in noch größerem Umfang mit fast 10% der 28.000 Mitarbeiter. Ziemlich unromantisch verkündete Cisco am Valentinstag 2024 sich von über 4.000 Mitarbeitern, ca. 5% der Belegschaft, trennen zu wollen. Microsoft schließt die Übernahme von Activision Blizzard ab … und will fast 2000 Mitarbeiter entlassen. Alles Meldungen aus dem Jahr 2024. 

 

Dies ist aber nicht die einzige Anpassungsstrategie. Auch dort, wo keine Entlassungen stattfinden, scheinen für Arbeitnehmer schwierigere Zeiten anzubrechen. “Nehmen wir das Beispiel VW”, erläutert Prof. Knörzer. “Dort wurde im Sommer letzten Jahres ein Einstellungsstopp verkündet. Dann hieß es im Herbst, dass es ohne Entlassungen nicht gehen werde. Im Dezember einigte man sich dann mit dem Betriebsrat auf die Einhaltung des Beschäftigungspaktes bis 2029. Personal wird aber wohl trotzdem abgebaut werden und zwar über Altersteilzeit und Aufhebungsverträge. Das gibt dem Unternehmen die Möglichkeit, seine Kostensenkungsziele, v.a. beim Personal im Verwaltungsbereich, zu erreichen und dem Betriebsrat trotzdem gesichtswahrend die alte Jobgarantie bis 2029 zu erhalten”.    

 

Was an diesen Beispielen nachdenklich stimmt, ist die Breite und der Umfang des Stellenabbaus … und dass sich aktuell kein Ende abzeichnet. “Natürlich muss man sich die Gründe hinter dem Stellenabbau jeweils unternehmensindividuell genau ansehen. Wir hatten aber schon in früheren Blogs darauf hingewiesen, dass neben situativen Entscheidungen auch grundsätzliche Überlegungen eine Rolle spielen. Manche Unternehmen wie VW oder die Deutsche Bank wollen Kostenblöcke abbauen, um Gewinn- und Renditeziele zu erreichen. Und kommunizieren das auch sehr offensiv. Bei anderen Unternehmen stehen aber auch andere personalstrategische Überlegungen im Hintergrund. Mitarbeiter sind nicht nur in den letzten Jahren sehr teuer, sondern auch unbequem geworden. Sie wollen am  besten remote arbeiten, nur noch ins Büro kommen, wann es Ihnen am besten passt, dann am liebsten den Hund oder das Kind mitnehmen, gerne mal Workation machen, gleichzeitig mehr Urlaubstage haben, insgesamt weniger Stunden arbeiten, aber mehr verdienen, insgesamt eine bessere Work-Life-Balance, Arbeitszeiten müssen sowieso flexibel sein … Das macht den Inputfaktor Personal für viele Unternehmen aus strategischer Sicht nicht unbedingt attraktiv. Wenn dann noch Digitalisierungspotenziale bestehen, nutzen Unternehmen diese zunehmend gerne. Insofern sind wir wieder bei der Marktkorrektur und der Frage: Werden wir als Arbeitnehmer durch Digitalisierung produktiver und damit wertvoller … oder werden wir durch Digitalisierung substituierbar?” 

In den nächten Blogs unserer Reihe werden wir diese Frage näher untersuchen. 

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